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Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr

Ilka Piepgras, eine Frau in der Mitte ihres Lebens, wird mit dem Tod ihres gerade fünfzigjährigen Nachbarn kalt erwischt. Sie hat heranwachsende Kinder und alte Eltern, um die sie sich sorgt. Völlig überfordert ist auch für sie der Tod ein Thema, an das sie lieber nicht denken wollte. Ihr wird bewusst, dass sie in einer Lebensphase ist, in der die Elterngeneration allmählich stirbt. Erschreckt vom Ereignis aus dem Nachbarhaus beschließt sie, eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin zu machen, um zukünftig gewappnet zu sein, und um dem Tod auf die Spur zu kommen. Ihre Begegnungen mit den Sterbenden sind zu Beginn erschütternd und aufrüttelnd. Die unterschiedlichen eigenen Geschichten der Sterbenden und deren Umgang mit der letzten Lebensphase verändern Ilka Piepgras' Sicht auf die Welt und ihr eigenes Leben. Je mehr sie sich mit dem Tod befasst, umso mehr lernt sie über das Leben, und führt so manch überraschende Gespräche. Auch ihr Vater, dem sie von ihrer Hospizarbeit erzählt, ist erfreut, nun mit seiner Tochter über das Sterben reden zu können. So kommt es zu einem Gespräch, dem sie bisher immer ausgewichen ist.

Ilka Piepgras ist 1964 geboren und schreibt als Redakteurin des „ZEITmagazins“ Reportagen und Porträts. Ehrenamtlich arbeitet sie nebenbei als Sterbebegleiterin. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin. Im Droemer Verlag erschien 2010 das Buch „Meine Freundin, die Nonne“ eine Suche nach Spiritualität in der heutigen Zeit.

Am Ende eines Lebens steht immer der Tod. Diese Tatsache wird in der heutigen Zeit mehr denn je ganz weit weg geschoben. Und plötzlich ist es soweit, der Tod ist da und die meisten Menschen sind davon vollkommen überfordert. Ilka Piepengras hat sich diesem Umstand in ihrem Buch in einfühlsamer überaus informativer Weise angenommen. Sie zeigt die unterschiedlichen Facetten, wie ein Menschenleben sich dem Ende neigen kann, stellt viele damit verbundene Fragen und versucht, auch die dafür notwendigen Antworten zu geben. Gefühlvoll dringt sie in Grenzbereiche vor, beleuchtet sowohl glaubensmäßige wie auch medizinische Randgebiete und fasziniert einen mit ihren Erlebnissen und Ergebnissen.

Wer einmal schon die Phase/Gnade hatte, einen Menschen in seinem letzten Abschnitt begleiten zu dürfen und zu können, wird hier so manche Parallelität sehen und zustimmend nicken. Ein Buch, welches natürlich besonders in den tristen Trauermonat November passt, aber ganzjährig eine absolute Leseempfehlung verdient.

Michael Müller