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Die Fremden

Nimm niemanden mit

Es ist mitten in der Nacht und Abi und ihr Mann Ben befinden sich gerade auf der Heimfahrt auf einer einsamen Straße in Cornwall. Es ist bereits dunkel und zudem neblig. Die Sicht ist daher sehr schlecht als plötzlich eine Gestalt direkt vor ihnen auf der Straße auftaucht. Ein Mann wedelt wild mit einer Taschenlampe hin und her und vor lauter Schreck überfährt Abi fast den Mann. Sie reißt das Lenkrad gerade noch herum und die Person springt gerade noch zur Seite. Die Person ist groß und hat ein markantes Äußeres, wirkt gepflegt und gut gekleidet. Völlig verstört fahren Abi und Ben ohne anzuhalten einfach weiter und wissen nicht, was sie davon halten sollen. Ben überlegt, ob sie nicht doch anhalten sollten, vielleicht braucht ja jemand Hilfe. Aber Abi ist strikt dagegen. Sie befinden sich hier ja im Nirgendwo und für einen Fremden will sie absolut nicht stoppen. Wer weiß, was der vorhat! Die beiden fahren daher mit gedrosseltem Tempo und mit einem mulmigen Gefühl weiter. Doch da leuchten auf der Straße vor Ihnen plötzlich Rücklichter und die Warnblickanlage eines Autos auf. So wie es aussieht gehören die Lichter zu einem Kombi, der in einer Parkbucht steht. Die Motorhaube steht offen und die Sicht ist durch den Nebel sehr eingeschränkt. Die Scheinwerfer von Abis Auto erfassen eine Frau mittleren Alters, die neben der Fahrertür steht und in ihre Richtung schaut. Als sie sehen, dass diese Frau eine mit Wolldecke bedeckte Babyschale in ihrer Armbeuge hält, will Ben unbedingt anhalten. Abi ist immer noch dagegen, aber Ben setzt sich letztendlich durch. Zumindest möchte er fragen, ob sie Hilfe braucht. Auf keinen Fall können sie eine Mutter mit einem Baby einfach so hilflos am Straßenrand stehen lassen. Also nehmen sie die Familie mit. Doch dies wird sich als großer und schwerer Fehler herausstellen, denn mit jeder zurückgelegten Meile wächst Abis Unbehagen gegenüber den Fremden. Und so wird aus diesem eher harmlosen Treffen immer mehr eine regelrechte Horrorfahrt.

C.M. Ewan wurde 1976 in Taunton geboren und hat an der Universität von Nottingham Amerikanische und Kanadische Literatur und später Jura studiert. Nach elf Jahren auf der Isle of Man ist er mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Hund nach Somerset zurückgekehrt, wo er sich ganz dem Schreiben widmet. Mit „Das Ferienhaus“ hat er gleich die Spiegel- Bestsellerliste erklommen und damit zahlreiche Fans gewonnen.

„Die Fremden – Nimm niemanden mit“ ist ein atmosphärischer Thriller, der seine Wirkung nicht durch abwechslungsreiche Action, sondern eher durch eine geschickte psychologische Verdichtung entfaltet. Das Buch ist leicht zu lesen und hat kurze Kapitel mit wechselnden Perspektiven. Die Story wird sehr flüssig und geradlinig erzählt. Der Autor legt sehr viel Wert auf Details, jeder Vorgang wird sehr genau beschrieben und so verliert sich die Handlung zuweilen oft in Kleinigkeiten. Die ganze Geschichte spielt sich durchgehend während einer Autofahrt ab, also alle Gedanken und Probleme passieren auf engstem Raum. Dadurch wird zwar eine teilweise sehr bedrückende Stimmung aufgebaut und demzufolge auch eine Art psychologischer Druck auf die Charaktere wie auch den Leser gleichermaßen erzeugt, dennoch verspielt und verliert der Thriller auch zeitweise damit leider etwas den Spannungsbogen. Zum Schluss hin fesselt er den Leser wieder mehr und endet dann doch mit einem passenden Abschluss. Das war mein erster sogenannter „Locked Room“ Thriller, den ich gelesen habe. Insgesamt betrachtet ist diese Art eher ein ruhiger, aber intensiver Thriller, der sicherlich vor allem für Liebhaber von kaum wechselnden Schauplätzen, aber dafür mit tiefgründigen beklemmenden Situationen aufgebaut ist und für Fans, die sich nicht an einem langsamen Spannungsaufbau stören. Auch wenn meine Präferenz doch eher bei Thrillern mit Spannung und ungeplanten Twists und der dazugehörigen mannigfachen Action liegt, ist dieses Buch dennoch lesenswert.

Andrea Müller
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