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Das Leben der Anderen

Nach der Maueröffnung 1989 war die Bevölkerung der DDR froh, endlich in den „goldenen Westen“ gelangen zu können, um nachzuholen, was sie über 40 Jahre lang verpasst hatten: Konsum und Reisefreiheit. Schnell wurde ihnen aber klar, dass auch der Westen kein Schlaraffenland sein konnte, in dem es alles gab und einem alles zuflog. Ernüchterung und Frustration machte sich breit, nachdem West-Autos, Farbfernseher und Videorecorder gekauft waren, aber die Arbeitsplätze fehlten. Plötzlich sehnten sich die ersten Bürger der fünf neuen Bundesländer nach ihrem alten Leben in Zeiten der offiziellen Vollbeschäftigung. Das Gefühl kam als Trotzreaktion auf, dass im Osten ja nicht alles schlecht war. Schnell hatten die Medien das passende Wort für diesen Zustand gefunden: „Ostalgie“. Plötzlich wollte jeder große Fernsehsender dabei sein und sendete so genannte „Ostalgie-Shows“, CDs mit „Ost-Musik“ wurden auf den Markt geworden und es war wieder schick, seinen Ost-Lebenslauf zu erwähnen, wie schön doch die Ferienlager der FDJ waren oder das Leben als Jungpionier. Ein Punkt der Geschichte wurde in dieser ganzen Euphorie vergessen: Dass die DDR ein straff geführter Staat war, in dem die Regierung festlegte, was seine Bürger tun und denken durften und indem die totale Kontrolle durch die Stasi und ihre Inoffiziellen Mitarbeiter herrschte. Erst jetzt wird dieser dunkle Teil der Geschichte beleuchtet, jetzt erst befasst sich Deutschland mit diesem Teil der Vergangenheit im Osten.
Einen außergewöhnlichen Film machte der deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem Film „Das Leben der Anderen“. Der stramme Stasi-Offizier Gerd Wiesler, herausragend dargestellt von Ulrich Mühe, der in der DDR von seiner eigenen Ehefrau bespitzelt wurde, lehrt an der Stasi-Hochschule, wie mit Bürgern der DDR zu verfahren ist, die nicht regierungskonform handeln und arbeiten. Er gehört zu den besten seiner Zunft, in den Vernehmungen, die er geführt hat, hat er noch jeden zum Geständnis gebracht. Der Preis dafür ist ein einsames Leben. Im November 1984 wird er auf den erfolgreichen Schriftsteller Georg Dreyman und seine Lebensgefährtin Christa-Maria Sieland, erfolgreicher Theaterstar, angesetzt. Er beobachtet sie, hört jedes intime Detail ab, protokolliert deren Leben minutiös. Er lernt so neue Sichtweisen des totalitären Systems durch das Denken und Reden der Intellektuellen, er liest verbotene Bücher und denkt nach. Dieser Auftrag verändert sein Leben, er ist nicht mehr der harte Stasi-Mann, der er einmal war. Doch er muss seinen Auftrag weiter erfüllen, er ist schließlich Teil des Systems.
In diesem Film wird kompromisslos ein Thema erzählt, über das bisher nur am Rande gesprochen wurde. Authentisch, spannend und einfühlsam wird das dunkle Kapitel der DDR-Vergangenheit beleuchtet. Es war an der Zeit, diesen Film zu machen, um auch der Generation nach dem Mauerfall aufzuzeigen, dass die DDR nicht nur aus Kinderhort, Trabbi und Club-Cola bestanden hat.
Die DVD zu „Das Leben der Anderen“ verfügt neben dem Film in Dolby Digital 5.1 und einer Hörfilmfassung in Dolby Digital 2.0 über eine Menge Extras: neben dem Audiokommentar von Regisseur und Drehbuchautor Florian Henckel von Donnersmarck gibt es einen weiteren Audiokommentar von Hauptdarsteller Ulrich Mühe. Daneben stehen zusätzliche Szenen mit optionalem Audiokommentar von Regisseur und Drehbuchautor Florian Henckel von Donnersmarck ebenso zur Verfügung wie ein neues, exklusives Making Of zum Film.
Bisher wurde „Das Leben der Anderen“ mit sieben Deutschen und vier Bayerischen Filmpreisen ausgezeichnet und er ist in als deutscher Beitrag in der Auswahl für den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film. Verdient hat dieser Film den Oscar allemal, doch auch ohne den Goldjungen ist er heute schon einer der wichtigsten Filme in der deutschen Produktions-Geschichte. „Das Leben der Anderen“ sollte nicht nur Bestandteil jeder DVD-Sammlung sein, er sollte auch Teil des Geschichts-Lehrplans an deutschen Schulen sein.

Pascal May