Um den alten Henker Jakob Kuisl steht es schlecht. Er wird seit Jahren schon von Sorgen und körperlichen Schmerzen geplagt. Ein Brief eines seiner alten Weggefährten reißt ihn aus seiner Schwermut. Darin steht, dass Jakob nach Passau reisen soll, um dort seinem alten Freund Nepomuk bei der Bergung eines sagenhaften Schatzes zu helfen. Mit seinem Anteil des Schatzes könnte er dann hoffentlich seiner Familie das Bürgerrecht kaufen. Kuisl bricht kurzentschlossen auf, doch als er in der Stadt an der Donau ankommt, macht er eine schreckliche Entdeckung, denn er erfährt, dass Nepomuk tot ist. Sein Freund wurde auf entsetzliche Weise ermordet. Zudem sind noch weitere vier frühere Mitstreiter auf Nepomuks Bitte hin angereist. Gemeinsam gehen die fünf alten Söldner einen Pakt ein und werden den Mörder ihres Freundes jagen und finden. Derweilen sind Kuisls Tochter Magdalena und ihr Mann Simon bei Hofe unentbehrlich. Jeden Augenblick erwartet die Kaiserin ihr nächstes Kind und Magdalena weicht nicht von ihrer Seite. Simon ist für die Gesundheit des Kaisers und dessen Gefolge zuständig. Zur selben Zeit braut sich ein kriegerischer Sturm zusammen. Das osmanische Heer steht kurz vor Wien und ein vernichtender Krieg scheint unausweichlich. Kein leichtes Unterfangen für die beiden, denn auch ihre beiden Söhne Peter und Paul sind in der Belagerung von Wien involviert. Peter als Feldarzt, wohingegen Pauls Schicksal ungeklärt ist. Niemand weiß, wo er sich aufhält oder ob er überhaupt noch am Leben ist.
Oliver Pötzsch, 1970 geboren, hat über viele Jahre als Filmautor für den Bayrischen Rundfunk gearbeitet und lebt in München. Er ist selbst ein Nachfahre der Kuisls, die 300 Jahre lang die berühmteste Henker-Dynastie Bayerns waren. Bereits seit seiner Kindheit beschäftigt ihn seine blutige Familiengeschichte. Bei seinen Recherchen stieß er unter anderem auf die Folterwerkzeuge seiner Ahnen und einen Meisterbrief, der seinem Vorfahren eine „besondere Kunstfertigkeit beim Köpfen“ bescheinigt. 2008 erschien sein Roman „Die Henkerstochter“, der für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert wurde. "Die Henkerstochter"-Romane wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und sind internationale Bestseller.
„Die Henkerstochter und das Vermächtnis des Henkers“ ist der zehnte Band dieser Reihe um den Henker Jakob Kuisl . Oliver Pötzsch ist ein Meister der Recherche und konzipiert mit diesem Wissen ein hervorragendes Konstrukt aus historischer Geschichte in Verbindung mit einer spannungsgeladenen Kriminalgeschichte. Klug verbindet er die unterschiedlichen Handlungsstränge der Familie Kuisl zu einem zusammenführenden Geflecht und hält dabei eine Vielzahl von Überraschungen und Wendungen bereit. Die verschiedenen Perspektiven der Geschichte erzeugen Spannung und lassen den Leser regelrecht in diese vergangene Zeit eintauchen. Jedes der 33 Kapitel wird mit Ort und Zeit eingeleitet und man behält so stets den Überblick. Jeder der einzelnen Charaktere wird individuell gezeichnet mit unterschiedlichen Zielen und Ansichten, insgesamt münden aber dennoch alle schließlich in der Verbundenheit zur Familie und runden so die ganze Geschichte ab. Geschickt eingeflochtene kleine „Cliffhanger“ animieren immer wieder zum Weiterlesen, und so ist es fast schon normal, dass man, obwohl 640 Seiten stark, das Buch zu keiner Zeit aus der Hand legen mag. Obgleich das Buch eine abgeschlossene Geschichte ist, ohne dass die Vorgängerbände notwendig sind, kann ich nur empfehlen, mit den ersten Büchern anzufangen, da damit nicht die Gefahr besteht, eigentlich mit dem möglichen Ende einer tollen historischen Romanreihe einzusteigen. Neben einem ansprechenden Buchcover fand ich die am Anfang des Buches aufgeführten „Dramatis Personae“ sowie den „Kleinen Henkerstochter-Reiseführer entlang der Donau“ am Ende des Buches als ein sehr gelungenes Schmankerl.
Diese Buchreihe ist ein herrliches Lesevergnügen für Liebhaber historischer Romane und solchen, die es noch werden wollen. Ich hoffe, dass ich baldmöglichst wieder von der Familie Kuisl etwas Neues lesen darf.
640 Seiten, Ullstein Taschenbuch Verlag, 12,99 Euro