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Die Känguru-Chroniken

Jahrelang waren die Bücher von Marc-Uwe Kling über das von ihm ersonnene kommunistische Känguru an der Spitze der Bestsellerlisten, zeitweise sogar alle vier Bände gleichzeitig. Auch die Hörbücher wurden millionenmal verkauft. Keine Frage also, dass es das Beuteltier auf die Leinwand schaffen musste, und so kam es, dass der Film am 5. März in den deutschen Kinos startete. Corona-bedingt war dem Film jedoch kein großes Glück beschert, denn bereits in seiner zweiten Spielwoche schlossen die ersten Kinos, bis es zum kompletten pandemiebedingten Lockdown kam. Zwischenzeitlich konnte "Die Känguru-Chroniken" als Stream abgerufen werden, Auto- und Open Air-Kinos zeigen den Film auch weiterhin. Wer den Film lieber zuhause sehen möchte, hat nun die Gelegenheit dazu, nachdem BluRay und DVD zum Kauf erhältlich sind.

Der Kleinkünstler Marc-Uwe Kling lebt in Berlin-Kreuzberg, als eines Tages ein Känguru an seiner Türe klingelt, das die Wohnung gegenüber besetzt hat. Nachdem es von der Polizei gesucht wird, zieht es kurzerhand bei Kling ein, schließlich sieht das Beuteltier als überzeugter Kommunist keinen Unterschied zwischen "mein" und "dein". Ein Jahr später verbünden sie sich gegen den Rechtspopulisten Jörg Dwigs, der im angrenzenden Görlitzer Park seinen gigantischen Europa-Tower bauen möchte. Die ungewöhnliche Wohngemeinschaft mobilisiert auch die Nachbarn und schließen sich mit ihnen zum "asozialen Netzwerk" zusammen, um gegen die Baupläne vorzugehen. Doch selbst, als sie Dwigs Büro durchsuchen, finden sie kein belastendes Material, das den Bau verhindern könnte. Nun müssen sie kreativer werden, um doch noch an ihr Ziel zu kommen, und den Bau zu verhindern.

Der Film liegt auf BluRay in der deutschen Sprachfassung (DTS-HD MA 5.1) vor. An Bonus-Material gibt es neben dem Audiokommentar mit Hauptdarsteller Dimitrij Schaad und dem Känguru auch eine Einstellung des Films in 3D, "Frühsport mit Helge", ein Making Of, ein Interview mit Regisseur Dany Levy, ein Interview des Kängurus mit seinem Schöper Marc-Uwe Kling sowie bombiges Marketing.

Keine Frage, das Känguru (wieso hat es eigentlich keinen Namen?) ist im deutschsprachigen Raum längst Kult. Die Bücher und Hörbücher wurden millionenfach verkauft, die vom Autor selbst und ungekürzt eingelesenen Hörbücher wurden mit Preisen überhäuft. Die Besetzung des Känguru-Films ist mit Henry Hübchen, Rosalie Thomass, Bettina Lamprecht, Carmen-Maja Antoni, Tim Seyfi, Adnan Maral und Moritz Katzmair handverlesen. Die Rolle des Kängurus, zumindest dessen Sprechrolle, hat Marc-Uwe Kling gleich selbst übernommen, ebenso wie das Drehbuch. Regie führte Dany Levy, ein Meister des subtilen Humors. Was sollte also mit der filmischen Umsetzung der anarchistischen Geschichten schief gehen? So ziemlich alles.

Es ist zum Verzweifeln, denn der Charme, der aus den Büchern hervorgeht, ist auf der Strecke geblieben, und so kann man vor allem eines vom Film sagen: er nervt. Und zwar gewaltig.
An die Stimme des Kängurus kann man sich, wenn überhaupt, nur sehr schwer gewöhnen. Die Figur des Marc-Uwe dient lediglich als Stichwortgeber für das vorlaute Tier. Wie seine wirken auch die anderen Figuren wie nicht fertig entwickelt und bleiben den gesamten Film über blass und ohne Wert. Die Liebesgeschichte zwischen Marc-Uwe und Maria wird nur kurz angedeutet, aber nicht weitererzählt, ebenso erfährt der Zuschauer nur sehr wenig über die Kiez-Bewohner. Die Gags bleiben auf der Strecke, und so bleibt am Ende nur sehr flacher, absurder Klamauk übrig, über den man nicht einmal mehr kichern oder schmunzeln kann. Da hilft es auch nicht, dass der Film ein klares Statement gegen Nazis und andere Fremdenhasser abgibt. Am ehesten schafft es Helge Schneider, die Zuschauer in seinem kurzen Sportvideo, das sich die ungleiche Wohngemeinschaft ansieht, zu unterhalten.

Der große Erfolg des Films während der Corona-Pandemie mag an der Alternativlosigkeit zu anderen Filmstarts liegen, oder es war ein hoher Alkoholpegel mit im Spiel, denn witzig geht anders und besonders unterhaltsam ist "Die Känguru-Chroniken" auch nicht. Irgendwie erinnert die filmische Umsetzung der Känguru-Kultbücher an das Schicksal von "Kondom des Grauens", dem genialen Comic von Ralf König. Das Buch, auf dem der 1996 realisierte Film basierte, ist, wie auch dessen Fortsetzung, urkomisch, der Film war einfach nur konfus und ein totaler Flop an den Kinokassen, weil er seine Zuschauer langweilte, und das trotz großartiger Besetzung.

Das Känguru hätte lieber bleiben sollen, wo es am besten aufgehoben ist, nämlich in den hervorragenden Büchern und Hörbüchern von Marc-Uwe Kling. Damit ist ebenso ein schöner Abend zu machen, bei dem man auch herrlich entspannen kann, vor allem, weil der Autor seine Geschichten in den Hörbüchern selbst vorträgt.

Pascal May
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