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Nachbeben

Man könnte meinen, die Fernseh- und Kinowelt besteht zu einem Großteil aus Krimis, Krankenhaus- und Horrorfilmen, zumindest ist das die allgemeine Annahme vieler Produzenten, dass diese Genres immer gehen. Im vergangenen Jahr hat der schweizerische Film "Heldin" für Aufsehen und jede Menge internationale Filmpreise gesorgt, als ein ungeschönter Alltag in einer Klinik aufgezeigt wurde. Fast unbemerkt geblieben ist dagegen die dänische Produktion "Nachbeben" mit einem ganz ähnlichen Thema, die allein in Dänemark mit sechs Filmpreisen und beim Filmfest Hamburg 2025 als bester Film ausgezeichnet wurde, und die nun für das Heimkino auf DVD und BluRay vorliegt.

Seit Jahren arbeitet Alexandra als Fachärztin für Neurologie im Krankenhaus und ist eine sehr erfahrene Ärztin, die so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Kaum ist sie im Krankenhaus angekommen, übernimmt sie schon ihre erste Patientin mit Schlaganfall in der Notaufnahme. Das computerbasierte Patientensystem der Klinik funktioniert nicht, so dass genau genommen keine Behandlung durchgeführt werden darf, bis das System läuft. Alexandra behandelt dennoch, weil die Patientin keine Zeit zu verlieren hat. Zeit für die Akten gibt es kaum, bei den Patienten muss genau priorisiert werden. Für die Notaufnahme wäre eigentlich jemand anderes vorgesehen gewesen, aber aus Personalmangel übernimmt sie neben der Stroke Unit auch die Notaufnahme. Bei der Behandlung strahlt sie viel Ruhe aus, weiß auf Grundlage ihrer Erfahrungen aus dem Stand, was zu tun ist und welche Medikamente gegeben werden sollen. Keine Routine, denn jeder Patient ist anders, aber nichts Neues.
Neu im Krankenhaus angefangen hat die junge Assistenzärztin Emilie, die sich in ihren Diagnosen noch sehr unsicher ist, und sich daher gerne absichern möchte. Bei einem jungen Patienten holt sie die erfahrene Alexandra dazu, obwohl die eigentlich keine Zeit dazu hätte. Alexandra untersucht den 18-jährigen Oliver, der von seiner Mutter Camilla begleitet wird, und kommt zu dem Ergebnis, dass es sich bei den Kopfschmerzen nur um einen Kater oder eine Migräne handelt und entlässt ihn auch gleich wieder. Emilies Hinweis, sie würde lieber ein MRT anfertigen lassen, wischt Alexandra mit dem Hinweis beiseite, dass man nicht bei jedem Patienten mit Kopfschmerzen ein teures MRT anfertigen lassen kann.
Wenige Minuten später bricht der junge Patient im Flur der Notaufnahme bewusstlos zusammen und Schaum bildet sich vor seinem Mund. Hat Alexandra etwas Entscheidendes übersehen?

Der Film liegt auf DVD in der deutschen und dänischen Sprachfassung (Dolby Digital 5.1) vor, Extras gibt es keine.

Der internationale Titel des Films lautet "Second Victim", der Bezug nimmt auf das kaum beachtete „Second-Victim-Syndrom“: Den seelischen Preis, den medizinisches Personal zahlt, wenn bei Behandlungen Fehler unterlaufen.
Ärztinnen und Ärzte müssen heutzutage alles sein, höchst flexibles Fachpersonal, Seelsorger, Controller, und das alles möglichst günstig und zeitlich und körperlich sehr belastbar. Da bleibt kaum Zeit zum Essen oder um auf die Toilette zu gehen, denn es muss effizient gearbeitet und die große Anzahl an Patienten bestens versorgt werden. Wie das medizinische Personal nach getaner Arbeit alles verarbeitet, darüber wird nur sehr selten geredet, wenn überhaupt.
Das hat die Regisseurin und Drehbuchautorin Zinnini Elkington bestens eingefangen, so dass "Nachbeben" zwischen Drama und Thriller hin und her wechselt.

Alexandra wird großartig gespielt von Özlem Saglanmak, die eine sehr eindringliche Tour de Force durchlebt, bei der jeder Zuschauende mitfühlen kann. Olivers Mutter Camilla wird von der international erfolgreichen dänischen Schauspielerin und Sängerin Trine Dyrholm dargestellt, die die Ärztin mit einer Mischung aus Unsicherheit und Verzweiflung angeht.

Der Seelsorger der Klinik sagt in einer Szene, dass wir Menschen uns daran gewöhnt haben, alles zu steuern, alles im Griff zu haben, und das wird dann auch von Ärztinnen und Ärzten erwartet.
Kurzum: Das Leben muss durchgetaktet werden, es muss alles schnell gehen und es dürfen keine Fehler gemacht werden, so dass alle Patientinnen und Patienten zügig und gesund wieder das Krankenhaus verlassen können. Passiert dennoch ein Fehler, denken alle an den behandelten Menschen und wen man verklagen kann, aber nur sehr selten an das medizinische Personal, das ebenfalls damit klar kommen, meist aber auch gleich weiter arbeiten muss.

Kaum zu glauben, dass es sich bei "Nachbeben" um das Langfilmdebüt der dänischen Drehbuchautorin und Regisseurin Zinnini Elkington handelt. Die Vorlage ist bestens recherchiert und absolut realitätsnah und zeigt ein Krankhausbild fernab von romantischen Klinikklischées mit jungen, schönen Menschen, deren wesentliche Aufgabe es ist, Menschen zu retten und sich zu verlieben. Hier wird ungeschönt die Not des medizinischen Personals aufgezeigt, das mal besser, mal weniger gut damit umgehen kann, aber trotzdem immer funktionieren muss.

Nach diesem Film ist klar, dass Ärtinnen und Ärzte eben keine Halbgötter in weiß sind, auch wenn sie gerne dafür gehalten werden oder sich selbst dafür halten.
Der Film ist ein wesentlicher Beitrag zum besseren Verständnis eines Klinikalltags, und wieso das medizinische Personal nicht immer gut gelaunt und geduldig sein kann. Keine leichte Unterhaltung, aber ein überaus wichtiger Film!

Pascal May
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