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#Zeitgeist

Kaum eine Erfindung der Neuzeit hat das Leben von Milliarden Menschen derart verändert wie das Internet. Teenager scheinen mit ihren Handys verschmolzen zu sein, ihr gesamtes Leben scheint sich nur noch in sogenannten "Social Media" abzuspielen. Aber auch Erwachsene sind davon betroffen. Ständig werden mehr oder weniger sinnvolle Nachrichten versandt (allein der Marktführer hat über 800 Millionen Nutzer), das ganze Leben wird mit wildfremden Menschen, die man als Freunde bezeichnet, geteilt, und Zeit damit verbrannt, die man in der realen Welt besser verbringen könnte. Hunderte, wenn nicht tausende Freunde auf seinem Profil zu haben, ist dabei Pflicht, sagt heutzutage aber überhaupt nichts aus, denn im Grunde bleiben die Nutzer dieser "sozialen Medien" am Ende doch einsam und allein. Vielleicht sollte hier also eher von unsozialen Medien gesprochen werden. Hat man alte "Freunde" verprellt, warten an der nächsten Ecke schon die nächsten. Das ganze Leben wird beliebig und austauschbar, bei der Wahl der Freunde ebenso wie bei der Wahl des Partners. Neue Süchte und Sehnsüchte wurden geboren, ganz neue Krankheitsbilder sind entstanden, so zum Beispiel der "Handyrücken", der durch zu viel gebeugter Haltung beim Tippen auf dem Handy entsteht, das Verhalten ganzer Generationen ist aus dem Ruder geraten.
Kann man darüber einen Film drehen? Ja, Hollywood kann: das Ergebnis dessen heißt "#Zeitgeist".

Allison sehnt sich nach Anerkennung und Liebe und hungert sich fast zu Tode, um ihrem Schönheitsideal zu entsprechen, und so auch für ihre Freunde attraktiver zu sein. Teenies reden miteinander, tippen aber gleichzeitig in ihr Handy, was sie wirklich denken. Tim vermisst seine Mutter, die die Familie verlassen hat und nun einen anderen Mann heiraten will. Er gibt das Footballspielen als sinnlos auf und flüchtet sich in die Welt eines Online-Computerspiels. Don und Rachel sind schon eine Weile verheiratet, haben zwei Kinder und fast keinen Sex mehr. Don sieht sich Internet-Pornos an und holt sich so seine Befriedigung, bis er es mit einem Escort-Service versucht. Rachel nutzt eine Plattform, die auf die Vermittlung von Affären Verheirateter spezialisiert ist, und verliert sich in der neuen Anerkennung, die sie damit erntet. Patricia sieht das gesamte Internet als riesige Bedrohung ihrer Tochter Brandy an, und kontrolliert sie unablässig. Brandy muss sämtliche Passwörter offenlegen, Patricia kontrolliert den Eingang sämtlicher Nachrichten in Echtzeit und löscht diese bei Bedarf, mischt sich aber auch schon mal unter dem Namen ihrer Tochter in Gespräche ein. Hannah will nichts sehnlicher als reich und berühmt sein, ihre Mutter Joan unterstützt sie dabei, wo sie kann, nachdem sie diesen Traum selbst nicht verwirklichen konnte. Joan ist ständig mit der Kamera präsent, um ihre Tochter zu fotografieren und die Bilder im Internet zu posten, um die Aufmerksamkeit auf ihre attraktive Hannah zu lenken.
Eine Momentaufnahme amerikanischer Familien, wie sie inzwischen weltweit genau so auch möglich wäre, in der jeder seine Sehnsüchte online gestellt hat und verfolgt, aber kaum noch mitbekommt, was im RL, im realen Leben, tatsächlich passiert.

"#Zeitgeist", der im Original "Men, Women & Children" heißt, liegt auf DVD in der deutschen und der englischen Sprachfassung (Dolby Digital 5.1) vor. An Extras bietet die Scheibe die Specials "Virtuelle Intimität" und "Lückenloses Interface" sowie entfernte Szenen.

Der kanadische Regisseur Jason Reitman zeigt mit "#Zeitgeist", wie sehr das Internet die Menschen verändert hat und es weiterhin tut. Trotz ständiger Warnungen vor unsicherer Software posten die Nutzer sozialer Medien und Nachrichtendienste alles, was sie tun und erleben, und sei es noch so banal. Treffen sich zwei "Freunde", die sich aus diversen "Social Media"-Plattformen kennen, im realen Leben, haben sie es verlernt, ganz normal miteinander umzugehen und zu reden. Die Anonymität des Internet wird für alle Schandtaten genutzt, dass das Internet dabei aber nichts vergisst, wie immer wieder gewarnt wird, wird dabei komplett verdrängt. Alles scheint austauschbar, ist tagesformabhängig, denn noch nie war das Angebot durch das Internet so riesig wie heute. Es scheint kaum noch Verbindliches mehr zu geben, was auch schon für die Partnerwahl gilt: Jeder wartet nur noch darauf, etwas oder jemanden noch besseren zu treffen, der einem ohne das Internet verborgen geblieben wäre. Was beim Schnäppchenkauf klappt, muss doch auch bei der Partnerwahl funktionieren. Sämtliches Wissen dieser Welt ist überall und zu jeder Zeit verfügbar, wozu sollte man sich da noch etwas merken?

Betrachtet man diesen Film ganz sachlich, muss man feststellen, wie unsozial die Menschen geworden sind, die ganz und gar in ihrer Online-Welt verschwinden, und wie erschreckend und beängstigend inzwischen das Leben für viele Internetnutzer verläuft, die ihr gesamtes Leben mit dem Handy, Tablet oder Laptop gestalten, aber immer unfähiger werden, mit ihren Mitmenschen im ganz normalen Alltag umzugehen.
Am Ende von "#Zeitgeist" bleibt dennoch Hoffnung, dass sich die Menschen doch noch besinnen könnten, wieder normal zu leben, in einem Leben außerhalb des Cyberspace, das es sich lohnt, gelebt und genossen zu werden.

Nach ausgezeichneten und preisgekrönten Filmen wie "Juno", "Thank You For Smoking" oder "Up In The Air" präsentiert Regisseur Jason Reitman mit "#Zeitgeist" einen eher depressiven Film und zeigt uns die Umwelt, wie wir sie jeden Tag erleben: voller sozial degenerierter Internetnutzer. Als Warnung taugt dieser Film nur bedingt, der auch über "Social Media" beworben wurde, da er keine Lösungen anbietet. Unterhalten kann dieser Film seine Zuschauer aber auch nur bedingt, der ebenso ein "scripted reality"-Format sein könnte, und so bleibt bei aller Mühe der prominenten Besetzung nichts übrig, was knapp zwei Stunden Zeit im realen Leben rechtfertigen würde, um sich diesen Streifen azusehen. Leider.

Pascal May
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