Wenn man sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, kommt man an den Propaganda-Filmen nicht vorbei. Erdacht und gedreht hat sie Leni Riefenstahl, die zuvor als Tänzerin und Filmschauspielerin bekannt war. Das Werkzeug des Filmemachens hat sie in harter Schule gelernt, dabei aber neue ästhetische und filmische Standards gelegt. Bis kurz vor ihrem Tod hat sie Filme gedreht und fotografiert.
Die 1902 in Berlin geborene Riefenstahl inszenierte mit „Das blaue Licht“ 1932 ihren ersten Film, in dem sie die Hauptrolle spielte und den sie auch selbst geschrieben, produziert und geschnitten hat. Im selben Jahr begegnete sie Adolf Hitler zum ersten Mal und spricht in einem Interview von einer „magnetischen Anziehung“ zu ihm. Sie sah ihre Verbindung aber professionell, auch wenn sie nie leugnete, dass sie seiner Persönlichkeit verfallen war, wobei auch Adolf Hitler von Riefenstahl fasziniert war. Am ehesten erklären Historiker diesen Umstand, dass sie sich ähnlich waren, weil beide ehrgeizig, narzistisch und dominant waren.
Sie bekam mehrere Auftragsarbeiten von der NSDAP, die sie mit dem Dreh der Filme „Der Sieg des Glaubens“, „Triumph des Willens“, der bis heute als einer der perfektesten Propagandafilme überhaupt zählt, und „Tag der Freiheit! – Unsere Wehrmacht“, die sogenannte Parteitagstrilogie, erfüllte. Darüber hinaus drehte sie unter dem Titel „Olympia“ eine Dokumentation über die Olympischen Sommerspiele in Berlin 1936, wo sie mit 30 Kameras gleichzeitig drehte, wobei sie Athletinnen und Athleten aller teilnehmenden Nationen im Film festhielt. Mit diesen Film hatte sie die faschistische Ästhetik perferktioniert. 1939 drehte sie eine Dokumentation über den Überfall Polens durch die Wehrmacht. Für ihre Filme hat sie viele Auszeichnungen erhalten, unter anderem auch eine Goldmedaille vom Internationalen Olympischen Komitee.
Nach dem Krieg wurde sie für ihre Arbeit entlastet, da man sie lediglich als „Mitläuferin“ einstufte, Filme wollte aber niemand mehr mit ihr drehen. Ab den 1960er Jahren war sie vor allem als Fotografin in der Welt unterwegs und veröffentlichte Bildbände.
2003 starb sie kurz nach ihrem 101. Geburtstag in ihrem Haus in Pöcking am Starnberger See, den Nachlass verwaltete ihr 40 Jahre jüngerer Ehemann Horst Kettner. Nach dessen Tod ging der geordnete, 700 Kisten umfassende Nachlass an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Erstmals konnte der gesamte Nachlass mit bisher unbekannten Schriften, Bildern und Filmausschnitten, für den Dokumentarfilm „Riefenstahl“ ausgewertet werden, was den Film von bisherigen Werken über die Filmemacherin unterscheidet. So sind darin unter anderem geschnittene Szenen aus einem Fernsehinterview zu sehen, in dem sie erklärt, von Joseph Goebbels sexuell bedrängt worden zu sein.
Der Film liegt auf DVD in der deutschen Sprachfassung vor. An Extras finden sich auf der Silberscheibe Interviews mit Regisseur Andres Veiel und Produzentin Sandra Maischberger, ein Premieren-Clip sowie die
Premieren-Gesprächsrunde.
Produziert hat „Riefenstahl“ die deutsche Moderatorin und Journalistin Sandra Maischberger, die 2002 eines der letzten Interviews mit Lenis Riefenstahl geführt hat. Danach redete Maischberger gerne vom Prinzip Riefenstahl, in dem sich die Filmemacherin Dinge so über die Jahre zurecht gelegt hat, dass sie sie am Ende selbst geglaubt und davon berichtet hat. Bis zu ihrem Tod war ihr die Deutungshoheit über ihre Person und ihr Schaffen wichtig, so dass davon ausgegangen werden muss, dass sie ihren Nachlass bewusst sortiert und zurecht gelegt hat, um ihre Geschichte, wie sie Riefenstahl selbst gesehen und geglaubt hat, für die Nachwelt zu hinterlassen.
Vom Nationalsozialismus hat sich Leni Riefenstahl nie distanziert, im Gegenteil, denn sie sah sich immer nur als Auftragskünstlerin, die einfach nur Filmaufträge übernommen hat, ohne sich politisch einzubringen oder von der Politik Hitlers gewusst zu haben. Sie bestand immer auf die Feststellung, „Kunst ist das Gegenteil von Politik“ und hat diese These bis zu ihrem Tod aufrechterhalten. Dafür hat sie Verleumdungen gegen sich verfolgen lassen und hat über 50 Prozesse geführt.
Sandra Maischberger möchte mit „Riefenstahl“ genauer analysieren, ob Leni Riefenstahl wirklich nur eine Mitläuferin war, oder ob sie nicht doch mehr in die Politik Hitlers involviert war. Vor allem möchte Maischberger mit ihrer Dokumentation erreichen, dass sich Menschen über das Gesamtthema Nationalsozialismus unterhalten, diskutieren und streiten, und das am Beispiel von Riefenstahls Vermächtnis, in dem neue Kameratechniken perfektioniert wurden, die auch heutzutage in Filmen zitiert werden.
„Riefenstahl“ ist ganz sicher kein Popcorn-Kino, den Film wird sich niemand für einen schönen Filmabend ansehen. Dafür braucht man knapp zwei Stunden Ruhe, um sich den Interviews und anderen Filmteilen zu öffnen, die hier vorgestellt werden. Am Ende soll sich jeder selbst ein Bild davon machen, wo er die Riefenstahl einordnen möchte. Diese Dokumentation ist nicht nur Historikern oder Filmstudenten zu empfehlen, die sollte sich wirklich jeder ansehen, der an Politik interessiert ist, denn viele Ausschnitte aus den Riefenstahl-Filmen sind bedrückend aktuell!
D 2024, 115 Minuten
mit Leni Riefenstahl