Manche Menschen fühlen sich durch den neuen und sensibleren Umgang mit Sprache überfordert, und sich dann oft in Folge dessen in zwei Lager aufteilen: die Totalverweigerer und die, die es besonders gut machen wollen. Im neuen Film von Regisseur und Drehbuchautor Simon Verhoeven geht es um letzteren, der sich richtig Mühe gibt. Wer "Alter weißer Mann" im Kino verpasst hat, kann den Film nun zuhause auf DVD oder BluRay nachholen.
Eine Arbeitswelt, die für Heinz Hellmich allein schon sprachlich voller Fallen steckt, aber auch Situationen im Umgang mit anderen Menschen selten gut für ihn ausgehen, auch wenn er es noch so gut meint. Darf er seine alten Tassen mit witzig gemeinten Sprüchen noch nutzen, auch wenn die im heutigen Sprachgebrauch frauenfeindlich oder rassistisch wirken könnten? Muss er bei der Anrede in allen sprachlich möglichen Variationen alle mit ansprechen, obwohl nur eine Person vor ihm steht? Da hilft es nicht, dass seine Tochter jedes seiner Worte auf die Goldwaage legt und gegen ihn auslegt, was den Druck auf ihn, der immer alles richtig machen möchte, nur noch erhöht. Bei seinem pubertierenden Sohn möchte er auch nichts falsch machen, auch wenn eine mögliche andere sexuelle Orientierung zu erwarten ist, als es sich Heinz bisher ausgemalt hat. Seine Frau Carla ist Sprachwissenschaftlerin und kann hier und da korrigierend eingreifen oder Situationen auch mal entschärfen, in die sich ihr Mann begibt. Doch dann ist da noch Heinz' Vater Georg, dem mit seinen 83 Jahren alles politisch Korrekte nicht mehr zu vermitteln ist und er redet, als hätte es nie eine Sensibilisierung der Sprache gegeben.
Gerade als Heinz davon ausgeht, dass er nach einer ganzen Reihe von sprachlichen Verfehlungen kurz vor der Entlassung steht, soll er bei sich zuhause ein politisch korrektes Abendessen ausrichten. Mit dabei soll auch jemand von der Untersberatung sein, um Heinz besser in seinem natürlichen Umfeld bewerten zu können. Doch wie soll das klappen, wenn allein schon die Menüauswahl für das Dinner eine echte Hürde darstellt, um nicht in den Verdacht der kulturellen Aneignung zu kommen? Dazu will seine Familie auch nicht so recht mitspielen. Kurzum: Was soll da schon schief gehen?
Der Film liegt auf DVD in der deutschen Sprachfassung (Dolby Digital 5.1) vor. An Extras finden sich Interviews mit Cast und Crew sowie ein kurzes Making Of.
Mit "Willkommen bei den Hartmanns" hatte der preisgekrönte Regisseur und Drehbuchautor Simon Verhoeven schon die großen gesellschaftlichen Themen, hier die Flüchtlingssituation in Deutschland, unserer Zeit mit sehr viel Sympathie für seine Figuren aufgezeigt. Nun geht er mit "Alter weißer Mann" einen Schritt weiter, und beleuchtet Deutschlands Bürger auf den Sprachgebrauch hin und den Wandel, den nicht jeder mitmachen möchte oder kann. Der Titel bezieht sich auf eine allgemeine Bezeichnung meist alter, priviligierter Männer, die sich der sensiblen Sprache eher verweigern als andere. Und genau das ist Heinz, gespielt von Jan Josef Liefers, nicht, weshalb der Titel schon irreführend ist. In Nebenrollen sind Nadja Uhl als Gattin Carla, Friedrich von Thun als Vater Georg, Michael Maertens als Heinz' Chef, Meltem Kaptan als Assistentin Kiraz, Elyas M’Barek als Weltversteher Älex, Yun Huang als Unternehmensberaterin Lian und Denise M’Baye als Paartherapeutin zu sehen.
"Alter weißer Mann" wurde als Komödie angelegt und entsprechend beworben, doch vor lauter überbordender Political Correctness wurde aus dieser Gesellschaftskritik eher ein Drama, bei dem der Fremdscham-Faktor ausgiebig zum Tragen kommt. Doch auch hier werden unnötig oft und ewig bediente Klischees hervorgeholt, wenn zum Beispiel Heinz' Vater eine Person of Colour fragt, wo sie denn nun wirklich her käme, als er sich nach ihrer Herkunft erkundigt. Wirklich? Sind wir da nicht schon längst hinaus, als dass man eine solche Frage wirklich noch als witzig ansehen könnte?
In einem Interview, das im Making Of zu sehen ist, stellt sich Jan Josef Liefers selbst die Frage, ob er wirklich in einen Film mit dem Titel "Alter weißer Mann" passen würde. Mit 60 Lebensjahren ist er ja nun wirklich kein Jugendlicher mehr, und allein durch diese Frage passt er eben genau richtig in einen solchen Film, auch wenn er mit seinen Klamauk-Versuchen kläglich scheitert.
Weltweit ist man sprachsensibler geworden, und da hätte es nicht unbedingt diesen Film gebraucht, um ein weiteres Mal durchzukauen, wieso man gewisse Bezeichnungen besser bleiben lässt, um andere Menschen nicht zu verletzen oder zu beleidigen. Die Lösung der sprachlichen Probleme mit alten weißen Männern kann dabei dann auch nicht in einer durchzechten Nacht in einem woken Berliner Bezirk liegen, nach der man geläutert und bestens gerüstet wieder nach Hause kommt, nur weil man mit non-binären und Trans-Menschen gefeiert hat.
"Alter weißer Mann" zeigt die Herausforderungen auf, die manch ältere Person bei all der sprachlichen Sensibilität haben kann, weil sie es jahrelang anders gewohnt waren. Dass sich jeder dazu bemühen sollte, gehört eigentlich zum normalen zwischenmenschlichen Umgang, auch wenn selbst prominente Menschen diese sprachliche Anpassung komplett ablehnen.
Als Gesellschaftskritik taugt der Film auf jeden Fall, auch wenn er keinerlei Lösungen aufzeigt. Ob man sich wirklich noch über das Wort "Gästin" lustig machen muss, sei dahingestellt.
Der Film passt gut in die Reihe nach "Willkommen bei den Hartmanns", einen lustigen Filmabend verspricht dieser Streifen allenfalls im Ansatz.
D 2024, 109 Minuten
mit Jan Josef Liefers, Nadja Uhl