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Das Verschwinden des Josef Mengele

Keine andere Epoche ist so gut erforscht wie der Zweite Weltkrieg. Nach Kriegsende wurde mehr oder weniger ambitioniert nach den Kriegsverbrechern gefahndet, um sie vor Gericht zu bringen. Am bekanntesten dabei waren die Nürnberger Prozesse. Doch ein Mann wurde nie vor Gericht gestellt, weil er untergetaucht ist, obwohl er neben Adolf Eichmann der meistgesuchte deutsche Kriegsverbrecher war. Josef Mengele, KZ-Arzt in Auschwitz, auch genannt der „Todesengel von Auschwitz“, war vor allem wegen seiner unmenschlichen medizinischen Versuche an Gefangenen des Konzentrationslagers in Auschwitz zur Fahndung ausgeschrieben. Dennoch konnte er jahrzehntelang untertauchen und starb in Südamerika an den Folgen eines Schlaganfalls. Doch wie ist ihm das gelungen? Die internationale Co-Produktion „Das Verschwinden des Josef Mengele“ geht dieser Frage nach, und liegt nun auch für das Heimkino vor.

Nach Kriegsende war Südamerika ein beliebtes Ziel ehemaliger Nazi-Funktionäre um unterzutauchen, weil sich die Führung mancher Länder nicht um deren Vergangenheit kümmerte. Teilweise lebten Kriegsverbrecher unbehelligt unter ihrem Klarnamen und genossen unter Nazi weiterhin die Hochachtung und den Respekt, den sie auch während des Krieges gewohnt waren.

Josef Mengele lebt seit 1949 untergetaucht und unter falscher Identität in Buenos Aires, Argentinien. Das Land und die Behörden dulden untergetauchte Nazis, wo sich kleine deutsche Zentren bilden. Durch die Hilfe ehemaliger Kameraden und Freunde fliegt er immer wieder unerkannt nach Europa, sei es zu seiner Familie in Günzburg, sei es, um seine künftige Ehefrau zum Skiurlaub in der Schweiz zu treffen.

Der israelische Geheimdienst Mossad spürt Adolf Eichmann in Buenos Aires auf und entführt ihn nach Israel, wo er vor Gericht gestellt wird. Der Druck auf Mengele wurde immer höher, und um einer Verhaftung zu entgehen, taucht Mengele mit seiner Familie in Paraguay unter, flüchtete dann aber weiter nach Brasilien, wo er auf dem Hof der Familie Stammer unterkam. Später bezog er ein kleines Haus, wo ihn 1977 sein Sohn Rolf besuchte, der ihn mit seiner Vergangenheit bei der Waffen-SS und seiner Arbeit im Konzentrationslager konfrontiert. Nachdem Rolf wieder nach Hause reist, bleibt Josef Mengele einsam und krank zurück.

Der Film liegt auf BluRay in schwarz-weiss und in der deutschen Sprachfassung (DTS-HD MA 5.1) vor. Extras gibt es keine.

Der Film ist bewusst in schwarz-weiss gehalten, wobei die einzigen farbigen Momente im Film Rückblenden auf Auschwitz darstellen. August Diehl, der vor allem in internationalen Produktionen gerne als Nazi besetzt wird, verkörpert den unbehelligten, von seiner NS-Ideologie überzeugten Kriegsverbrecher, der in der Zeit seiner Flucht bis zum Treffen mit Sohn Rolf gezeigt wird. Diehl überzeugt einmal mehr mit seinem intensiven Spiel und seiner großartigen Darstellung.
Mengele, der sich stets sicher war, Gutes für die Menschheit getan zu haben, vor allem durch seine unmenschlichen Versuche in Auschwitz, wurde durch ein großes Netzwerk unterstützt, das ihm ein Leben in Freiheit beschwert hat, und dadurch nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Unglaublich erscheint es, dass er immer wieder seine Familie in Günzburg besuchen konnte, und dass ihm sogar offizielle Unterlagen auf seinen richtigen Namen von der Deutschen Botschaft in Argentinien ausgestellt wurden. Finanziell unterstützt wurde er vor allem durch seine Familie, die überhaupt nicht an der Aufarbeitung der schweren Verbrechen des Sohnes, Bruders und Enkels interessiert war.

Der Film wirkt eher wie eine Dokumentation der Flucht Mengeles von Argentinien über Paraguay nach Brasilien, setzt aber nicht zur Beantwortung der Fragen an, die man sich beim Ansehen dieses Film stellt. Wieso konnte er sich in Deutschland frei bewegen und wurde nicht festgenommen, obwohl ganz Günzburg wusste, dass er immer wieder seine Familie besucht hat? Wieso wurde er nicht auch bei den Nürnberger Ärzteprozessen angeklagt und wieso zeigten die deutschen Behörden scheinbar kein Interesse daran, ihm habhaft zu werden?

Von 1945 bis zu seinem Tod durch Schlaganfall beim Schwimmen 1979 lebte er unbehelligt in Südamerika. Selbst, wenn die Menschen in seinem Umfeld herausgefunden haben, mit wem sie es zu tun haben, geschah nichts weiter.
Erst 1985 führten Knochenfunde und DNA-Analysen in Brasilien zur zweifelsfreien Identifizierung, nachdem er unter dem Namen „Wolfgang Gerhard“ in Embu beigesetzt wurde.

Der Film "Das Verschwinden des Josef Mengele" basiert auf dem preisgekrönten Roman des Straßburger Journalisten Olivier Guez, Regie führte der russische, im Berliner Exil lebende Regisseurs Kiril Serebrennikov, der auch das Drehbuch schrieb. Das Werk will die Psyche des NS-Verbrechers entschlüsseln, geht dafür aber nicht genug in die Tiefe. Dennoch ist es ein sehr wichtiger Film, der ein schonungsloses Bild von Ideologie, Verdrängung und Verantwortung aufzeigt, und auch deshalb unbedingt in Schulen gezeigt werden sollte.

Pascal May